Journal of Garden History, Jg. 17, 1997, H. 1-4, 316 Seiten

Die Anfänge der Beschäftigung mit der Kulturgeschichte des Gartens waren - zumindest in den USA - durch eine Vielfalt an Ansätzen gekennzeichnet. Ziel des 1981 gegründeten Magazins Journal of Garden History ist es, den multidisziplinären Zugang zu dieser relativ jungen Forschungsdisziplin zu erhalten und zu stärken.

Ein Großteil der Beiträge in den vierteljährlich erscheinenden Heften dient der Dokumentation von Gärten in aller Welt. Artikel aus Fachgebieten wie Botanik und Gartenbau, Technik, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Ikonographie, Literaturwissenschaften, Geographie sowie Berichte über Erhaltung und Rekonstruktion historischer Gartenanlagen werden ebenfalls publiziert, um eben diese Vielfalt an Sichtweisen zu garantieren.

Drei der vier Hefte des 17. Jahrgangs sind jeweils unter ein Thema gestellt worden. Nur Heft 2 (April-Juni 1997) vereinigt thematisch unterschiedliche Artikel auf seinen 61 Seiten. Ihre Darstellung, mit der hier entgegen der chronologischen Reihenfolge begonnen werden soll, gibt einen guten Eindruck von den vielen Möglichkeiten, sich zu einem scheinbar so engen Begriff wie „Garten“ Gedanken zu machen: Kenneth Helphand von der University of Oregon dachte über „defiant gardens“ nach. Zu Beginn bringt er Fotos aus dem Ersten Weltkrieg, welche Soldaten in ihren kleinen, selbst angelegten Gemüse- und Blumengärten zeigen, die unmittelbar hinter den provisorischen Unterständen und Deckungen am Rande des Niemandslandes, an der Front in Frankreich lagen. Diese Gärtchen dienten der Versorgung mit Lebensmitteln, dem Zeitvertreib und als Autotherapie für die psychisch angegriffenen Männer. Helphand philosophiert über die unmittelbare Nachbarschaft der kleinen, umzäunten Hilfs-Paradiese zu dem höllischen, chaotischen Niemandsland, in dem die Vegetation vernichtet ist und tote Soldaten verwesen. Sein gedanklicher Weg führt weiter. Zu seinen „Gärten zum Trotz“ gehören auch jene, die mitten in Wildnis, Wüste oder auch in der offenen Kühlerhaube eines Autowracks angelegt wurden. Nelson Mandelas Garten im Gefängnis war während der langen Jahre der Arretierung eines der wenigen Dinge, die er selbst kontrollieren konnte. Darin Pflanzen heranzuziehen und der Hüter dieses kleinen Stückchens Land zu sein, erfüllte ihn nicht nur mit simpler Zufriedenheit, sondern bedeutete auch ein kleines Stückchen Freiheit. Weitere Beispiele: Dachgärten in Manhattan, Gärten und sogar Gartencafés im Lodzer oder Warschauer Ghetto, wo die jüdische Gesellschaft zur Ermunterung der Juden zur Landwirtschaft (polnisch Towarzystwo Popierania Rolnictwa) Saatgut verteilte, Gemüse pflanzte, Bäume setzte und Tafeln aufstellte: „Nicht den Rasen betreten“. Es gibt Berichte aus Lodz, wo Kinder am Tag ihrer Deportierung alle Blumenbeete niedertrampelten und ausriefen: „Nichts soll mehr wachsen, nichts soll mehr blühen!“ - sie zerstampften damit, was die Gärten für sie bedeutet hatten: Hoffnung und Leben.

Es folgt im selben Heft Luisa Limido, die an Hand eines Briefwechsels zwischen einem französischen Gartenarchitekten und dem Bürgermeister von Turin die Geschichte eines italienischen Gartens des 19. Jahrhunderts rekonstruiert. Und Laurie D. Olin aus Philadelphia blickt in den Garten des Museum of Modern Art in New York City, den der Architekt Philip Johnson, ein Schüler und Protegé von Mies van der Rohe, 1953 gestaltete.

Heft 1, The Techniques and Uses of Garden Archaeology, bietet die schriftlichen Fassungen einiger Vorträge zur gleichnamigen Konferenz, die 1995 in England stattfand. Die Revitalisierung von historischen Gärten hat in den letzten Jahren einige Bedeutung erlangt. Der Beginn dieser modernen Suche nach verschwundenen Gärten liegt im Jahr 1870, als die italienische Regierung Hadrians Villa bei Rom übernahm, dabei einen Kanal entdeckte und den entsprechenden Teil des ehemaligen Gartens restaurierte. Die Themen der Konferenz - geophysikalische Auswertung von Luftbildaufnahmen, technische Möglichkeiten der Gartenarchäologie, Management von historischen Gartenanlagen, Probleme beim Einsatz von Freiwilligen et cetera - sind aber wohl nur für SpezialistInnen und PraktikerInnen, weniger für KulturhistorikerInnen interessant. Obwohl auch für sie der ausgesprochen technische, wirtschaftliche und ökonomische Hintergrund der Geschichte einen Blick wert sein könnte.

Heft 3 wendet sich an alle möglichen LeserInnen, aber, wie es auf den ersten Blick scheint, sicher nicht an PraktikerInnen. Es ist der Bedeutung von Garten oder Landschaft in der Literatur gewidmet. Gert Groening von der Abteilung Architektur der Hochschule der Künste in Berlin fungiert als „guest editor“ dieser Nummer. Die Bedeutung, die Menschen Gärten beimessen, hat sich oft gewandelt. Im Deutschland des ausgehenden 20. Jahrhunderts (und woanders auch) ist die poetische und künstlerische Dimension in einer scheinbar vom Untergang bedrohten Welt der ökologischen gewichen. Groening plädiert dafür, das technische Verständnis der LandschaftsarchitektInnen herauszufordern, und die Debatte um die menschlichen, spirituellen Dimensionen des Gartens zu bereichern. Ort dieser Herausforderung ist die Abteilung Architektur der Hochschule der Künste in Berlin, wo StudentInnen mit Kunst (Literatur, Film, Theater, Musik) vertraut gemacht werden sollen, um für Räume Entwürfe zu finden, die über Technik und Ingenieurskunst hinausgehen. Die Ergebnisse eines Seminars zum Thema Gardens, Literature, Landscape (so auch der Titel des Heftes) sind in dieser Nummer veröffentlicht.

Und die letzte Ausgabe des 17. Jahrgangs Garden History in Scandinavia beschränkt sich auf die Länder Dänemark, Norwegen und Schweden: fünf Artikel kreisen um die Frage, ob ihre BewohnerInnen die natürliche Umgebung in einer eigenen, besonderen Weise wahrnehmen und ob und in welcher Weise diese in ihre Garten- und Landschaftsgestaltungen Eingang fand. Die Geschichte der Gärten in Norwegen müßte nach Karsten Jørgensen, einem Landschaftsarchitekten, erst geschrieben werden. Schlimmer noch: man könnte sich sogar fragen, ob es überhaupt etwas zu schreiben gibt, da die Gärten in der großartigen Landschaft zu verschwinden drohen. Im Gegensatz zu Dänemark und Schweden wirkten die kümmerlichen Lebensbedingungen im Norwegen des 16. und 17. Jahrhunderts für die Entfaltung der Gartenkunst wenig begünstigend, einer Kunst, die zu jener Zeit in anderen europäischen Ländern eine Blütezeit erlebte. Trotzdem ist die Zahl der heute hier arbeitenden Garten- und LandschaftsarchitektInnen (pro Kopf gerechnet) eine der höchsten weltweit.

Der Kunsthistoriker Magnus Olausson und der Landschaftsarchitekt Thorbjörn Andersson beschreiben die Geschichte des Gartens in Schweden als ein Kräftespiel zwischen nationalem, durch die Landschaft geprägtem Ausdruck und dem Einfluß vor allem französischer und englischer Ideen. In dieser letzten Nummer des Jahrgangs kündigte Chefredakteur Hunt an, daß der Name des Magazins mit dem ersten Heft des Jahres 1998 geändert und damit das Feld um den Terminus „landscape architecture“ erweitert würde. Die Redaktion reagiert damit auf geänderte Bezeichnungen und geänderte Betätigungsfelder in der Branche, ohne ihren Schwerpunkt Garten aufzugeben.

Das insgesamt 316 Seiten starke Journal of Garden History ist ein Magazin, das auf internationaler Ebene einem Austausch im sehr spezifischen Fachgebiet „Garten“ beziehungsweise „Landschaft“ Raum bietet. Spezialisiert ist vielleicht der Kreis der LeserInnen und BenutzerInnen, die Beiträge kommen hingegen aus allen möglichen Richtungen und Disziplinen.

Chefredakteur ist John Dixon Hunt, Professor am Department of Landscape Architecture der Graduate School of Fine Arts der University of Pennsylvania in Philadelphia. Sein wissenschaftlicher Werdegang hat die Veränderungen des Journals mitgeprägt. Hunt wechselte von Englischer Literatur zu kulturhistorischen Forschungen, bevor er Direktor des Studienfaches landscape architecture in Dumbarton Oaks wurde. Darauf folgten drei Jahre in der Oak Spring Garden Library Foundation, wo Hunt an Materalien zum Thema „Garten“ in den dortigen Archiven umfangreiche Forschungen betreiben konnte. Die nächste und vorläufig letzte Station ist der Vorsitz am Department of Landscape Architecture in Pennsylvania.

Im beratenden Fachgremium der Redaktion fanden sich 1997 US-amerikanische, australische, englische, französische, italienische und deutsche Namen. Die Mitglieder dieses Rates wechseln, können aber nach einer Zeit der Abwesenheit wieder zurückkehren. Die Auswahl unter den KandidatInnen trifft Hunt in Absprache mit den bestehenden Mitgliedern. Diese Bewegung garantiert stets neue Kenntnisse, neue Energien und neue Zugänge. Die Offenheit ist spürbar, vor allem bei dem einigermaßen weiten Überblick, den die Lektüre eines ganzen Jahrganges bieten kann. Gerade bei einem Fach wie Gartengeschichte oder Gartenkunstgeschichte ist ein solcher frischer Wind Goldes wert, denn allzu leicht verstaubt hier alles.

In zwei Heften schließen an die Artikel Rezensionen neuerer, weiterführender Literatur an. Leider gibt es keinerlei biographische Angaben zu den AutorInnen, es sei denn, der jeweilige guest editor stellt sie in seinem Vorwort vor. Auf meine diesbezügliche Frage antwortete John Dixon Hunt, er habe immer darauf bestanden, daß die Artikel selbst für sich sprechen und nicht die Richtungen wichtig sein sollten, aus denen sie kommen. Informationen über die AutorInnen lenkten die Aufmerksamkeit nur vom Inhalt auf Institutionen und Disziplinen ab und würden so erst wieder den möglichst bunten, möglichst queren Zugang stören.

Satz und Druck sind von hoher Qualität, ja gediegen, und machen keinerlei Konzessionen an den Zeitgeist. Das Schriftbild ist ruhig, klar und konzentriert. Fotos, Skizzen und natürlich Pläne illustrieren die Texte nur, sind aber - obwohl oft ganzseitig und von guter Qualität - durch den Schwarzweißdruck zurückhaltend. Die Zeitschrift entzieht sich damit dem raschen Durchblättern, das die Lektüre gerade von Gartenzeitschriften jeder Art meist bestimmt. Das Format hat im Laufe der Jahre einmal gewechselt, das Layout zweimal. Das Design mußte dem zunehmend kultivierteren und intellektuelleren Interessentenkreis der wachsenden Disziplin garden history Rechnung tragen. Die Fachrichtungen, aus denen die Beiträge kamen und kommen, haben sich dadurch aber kaum geändert.

Die Hefte haben heute Querformat (A4), die Einbandfotos sind in moosgrünem Einfarbendruck gehalten. Verlegt wird das Journal - passend zum eleganten, recht konservativen Outfit - bei Taylor & Francis in London, Publishers since 1798, die in Washington DC eine Zweigstelle in einer Suite des Hotel Bristol betreiben. Dementsprechend vornehm sind auch die Preise: ein jährliches Abonnement kostet 368 US-Dollar für Institutionen oder Vereine beziehungsweise 119 US-Dollar für Privatpersonen.

Alice Thinschmidt